Jakobus, Jakobus!


Auf den spanischen Jakobsweg wollten sie gehen als sie jung waren und im Rucksack Wochen der Freiheit  trugen. Sie hofften, dass  jemand sie mitnehmen würde in Richtung der Pyrenäen. Auf einem Parkplatz  interessierte sich ein Ehepaar für diesen Weg. Sie hatten nie  davon gehört. Bis in die Nähe des Gebirgszuges  konnten sie mitfahren. In einem kleinen Dorf verabschiedeten sie sich. Mühsam war ihre erste Wegstrecke, die als eine Route Napoleons ausgewiesen war. Über den wohl ältesten Pass pilgerten sie, er forderte all ihre Kräfte.

Roncesvalles, über das sie gelesen  und sich die Verknüpfungen zu Karl dem Großen eingeprägt hatten, war ihre erste Herbergsstation. Das große Gebäude aus dem 13. Jahrhundert  bot sehr vielen Pilgern Platz unter dem Gewölbe im gotischen Stil. Morgens sahen sie sich das älteste Gebäude  des Ortes an. Der Legende nach war es von Karl dem Großen als Grab für den gefallenen Ritter Roland erbaut worden. In diesem  ehemaligen Beinhaus aus dem 12. Jahrhundert, das als Wallfahrtskapelle diente, erhielten sie mit weiteren Peregrinos den Pilgersegen.

Neugierig waren sie auf die Menschen, Landschaft, Architektur, Traditionen. Sie sahen diese lange Strecke als sportliche Herausforderung.

Unterwegs fanden sie die unterschiedlichsten Unterkünfte - jede Herberge hatte etwas Typisches, das sie nicht vergessen würden. Freundlichkeit und Anteilnahme waren überall selbstverständlich. Manchmal brauchten sie nichts zu zahlen für die Übernachtung, oft reichte eine kleine Spende in die Kassette neben dem Pilgerbuch  bei der Anmeldung. Auch war es nachts so warm, dass sie ihren Schlafsack  in Scheunen oder gar am Waldrande ausrollen konnten.

Unterwegs ergaben sich viele Gespräche mit Pilgerinnen und Pilgern aus verschiedenen Ländern. Sie wurden  aufmerksam auf die Motive, die diese Pilger losgehen ließ. Sie bewunderten jene, die davon sprachen, bereits  einmal  am Ziel gewesen zu sein. Weshalb noch einmal? Weil der Weg heilsam ist. Mancher wollte gar bis Finisterra  gehen, ans sogenannte Ende der Welt. Sie staunten.

Abends saß man in großer Runde beisammen, erzählte, fragte. Es wurde geteilt, was  im Rucksack war. Sie erfuhren, dass jeder gab, was er hatte –  das letzte Pflaster, einen Schluck Wasser oder einen Apfel. Wenn man in Not war, würde immer geholfen. Das gab ihnen  große Sicherheit auf dem Wege.  

Sie bemerkten, dass viele Pilger Tagebuch schrieben: unterwegs bei einer Rast, vor Kirchen und Klöstern, abends in den Herbergen auf den Betten, bis Punkt 22.00 Uhr das Licht gelöscht wurde.  In einer Kleinstadt, die zu durchpilgern war, kaufen sie zwei  Schulhefte und notierten, was ihnen wichtig war. Schrieben von der Bedeutung der Jakobsmuschel, formulierten die Legende, dass Jakobus einen Pilger errettet  hatte, erwähnten jenen  Hühnerstall, der  in Verbindung mit dieser Legende in einer Kirche am Wege  zu bestaunen  war.

Einen gemeinsamen Rhythmus zu finden war nicht einfach. Aber jeder bemühte sich,  so zu laufen,  dass  man beisammen bleiben konnten.

Beeindruckt waren sie von den Menschen in den kleinen Dörfchen, die meist als erste grüßten und  einen  guten Pilgerweg wünschten. Auch rief ihnen ein sehr betagter Mann den alten Pilgergruß zu: "Buen viaje!" - "Gute Reise!" Immer  diese freundliche Aufmerksamkeit, obwohl die Kette der  Pilger die Einheimischen seit früher Kindheit begleitete und nur im Winter  unterbrochen war.

Kirchen und Klöster boten Kühle und Stille, Besinnung,  gaben  neue Kraft, bevor sie wieder in die gleißende Helle traten. Der Rucksack schien manchmal schwer, drückte sie fast zu Boden, kam ihnen andermal  leicht vor, als hätten sie nur ihre Verpflegung eingepackt.

Landschaften wechselten nach vielen Kilometern, sie meinten, alle Länder der Welt zu durchwandern. Als sie dem Ziel  näher kamen, merkten sie, dass sie langsamer liefen;  fast schien es, als wollten sie nicht so bald am Ziele sein - weiter gehen und gehen, jeden Tag  genießen, der immer anders war und übervoll mit Eindrücken. 

So schön hatten sie sich das Ziel nicht vorgestellt. Riesig war der Platz vor der Kathedrale, auf dem sich die Pilger niederließen, hinauf zu Jakobus schauten, der sie aus dem  Bogenrund in der Fassade  zu begrüßen schien. Die Freude, angekommen zu sein, war aus  jedem Gesicht zu lesen. Man beglückwünschte sich gegenseitig, erkannte Pilger, umarmte sich. Ließ sich die Pilgerurkunde ausstellen. Sie kauften eine kleine Jakobusfigur aus Gips.

In der Kathedrale Nachdenklichkeit: Pilgerweg – Lebensweg - Sinn des Lebens - Wichtiges im Leben …   Sie hatten viel gelernt über sich und von anderen.

Ihre Rückkehr schien fast ohne Übergang, ohne Besinnung. Fanden sich auf dem  Alltagsweg,  obwohl sie den Rucksack noch spürten, noch immer im Rhythmus des Laufens  nachdenken wollten. Allmählich erst gingen sie wieder im gleichen Schritt mit dem Alltag, gewöhnten sich. Oft sprachen sie  voller Begeisterung vom Wege, wenn jemand fragte nach ihren Erfahrungen. Ihnen war  klar, warum manche Pilger sich mehrfach  auf den Weg machten – auch sie würden es wieder tun.

Nach Jahren erst gelang dies – sie konnten der Arbeit fern bleiben für Wochen. Sie gingen  gemeinsam los, jeder blieb aber in seinem Takt der Schritte, ganz frei von Rücksichtnahme und Einschränkung. Bald verloren sie sich aus dem Blickfeld, trafen sich aber an den  Orten, die sie  vereinbart hatten. Freudig erzählten sie sich ihre Eindrücke, die trotz derselben Strecke andere waren. Jeder achtete auf Dinge am Wege, über die er in den Jahren gelesen, nachgeforscht hatte, suchte bestimmte Kirchen auf, rastete an bestimmten Brunnen, die mit den Legenden des Camino verknüpft waren. Hinweisen von Pilgern, die schon mehrfach unterwegs gewesen  waren, gingen sie nach.

Den Rest des Weges liefen  sie gemeinsam und kamen glücklich und beladen mit Erlebnissen  das zweite Mal an. Nun sahen sie die Flechten an den granitenen Steinen der Kathedrale, im Bogendurchgang hörten sie den Dudelsack, sahen nach der Heiligen Pforte, die erst wieder in einem Heiligen Jahr geöffnet würde für die Pilger. Sie erlebten das Sausen des Botafumeiro durch das Kirchenschiff. Lange saßen sie noch in den Weihrauchschwaden. Stiegen die Stufen zu Jakobus hinauf und flüsterten ihm bei der Umarmung, dass sie angekommen waren.

Einen kleinen  Jakobus aus Holz suchten sie aus. Der Apostel war mit Hut und Muschel, Kalebasse und Stock als Pilger dargestellt. Er gesellte sich zu Hause zu ihrer ersten Figur.

Im Jahr darauf hielten  sie sich an den Rat eines  alten Spaniers, dass man drei Mal auf den Camino gehen müsse und waren wieder unterwegs. Jeder Legende liefen sie nach, blieben beisammen und waren stets im gleichen Takt der Schritte. Ließen sich Zeit; betrachteten Blumen und Schmetterlinge, lasen jede Feder auf und wussten sie zuzuordnen. Kleine Steinherzen fanden sie, auch winzige Kreuze aus Holz, von der Natur geformt, vom Wetter gebleicht und hart. Kamen sie an Stellen vorbei, die zum Gedenken an einen hier verstorbenen Pilger angelegt waren, hielten sie inne und ließen ein Steinherz dort.

Am Ziel legten sie ihre Hand in die Vertiefung der Wurzel Jesse im kühlen Marmor, berührten mit der Stirn den steinernen Kopf des Baumeisters der Kathedrale. Stiegen die Stufen hinab in die Gruft, um den kleinen silbernen Sarkophag des Jakobus zu sehen.                      Im  Rucksack fand sich, als sie den Heimweg antraten, eine winzige bronzene Statue, deren Schultern mit Muscheln geziert waren.

Die vielen nächsten Jahre waren ausgefüllt mit dem Arbeitsleben, ihrem  Leben mit den Kindern. Zeit für den Weg gab es nicht. Zu gern hätten sie ihren Jakobsfiguren weitere hinzugefügt, denn die Kinder waren erwachsen. Den Anstrengungen des Weges meinten sie nicht mehr gewachsen zu sein.  Sie sprachen immer wieder vom Wege, von diesen unvergesslichen Eindrücken.

Es wurde ein neues kleines Wesen hineingeboren in die Familie. Sie freuten sich sehr über das  Kindchen. Sein Name: Jakobus.                                                                                                                                                                                                                                                      

 

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Steinig

 

Einfach losgegangen war er, der niemandem Bescheid geben musste. Familie, Arbeit, so etwas wie Freunde, das war einmal …

Gelesen hatte er, der außer  Brehms Tierleben und dem Lexikon nichts aufschlug, in einem vergessenen Buch über einen Weg. Besonders sollte der sein.

In der Bücherei konnte  er sich einen Stapel Bildbände ausleihen, lesen, was andere erzählen konnten von diesem alten Pfade: Dass man sich suchen und auch finden könne vielleicht.

Neugierig war er auf Tiere, die ihm über den Weg laufen würden, die er belauschen könnte. Vogelstimmen konnte er auseinander halten von allen einheimischen Gefiederten, konnte jede Feder, die er fand, dem Verlierer zuordnen. Seit vielen Jahren war sein Motto: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere. Das hatte er irgendwo gehört und wünschte, es wären Worte, die ihm eingefallen wären. Seit er denken kann, war  alles und jeder gegen ihn, überall klangen ihm die Neins entgegen.

Nun sagt er sein  Nein zum Alltag und ist unterwegs.

Will ihn da gleich einer überholen? Oder sucht der Anschluss? Sofort läuft er schneller, sputet sich, entfernt sich weit von diesem  Mitläufer.

Ein Pärchen hockt unter einem Granatapfelbaum im Schatten. Zu gerne hätte er diese besonderen Früchte näher besehen. Er kennt sie nur aus dem Lexikon. Als sie ihm ihr freundliches „Buen Camino“ zulächeln, schaut er nicht auf, geht weiter, als hätte er es eilig, geht wie gehetzt, wird atemlos, stolpert  über die vielen runden Steine, die das Laufen erschweren. Er schiebt  sie wütend aus dem Weg, hastet in der Dämmerung in ein Tal.

Dieses Tal, das die Pilger, die den Weg schon einmal gelaufen sind, besonders mögen. Wohnen doch hier ihre steinernen Verwandten, die sie dazumal auftürmten. Sie suchen  ihren Steinmann, die Steinfrau, sind dankbar, freuen sich, dass ein Stein sich noch auf dem anderen balanciert in dieser steinernen Vergesellschaftung. Ein jeder setzt sich, betrachtet den Steinwald, wünscht sich, irgendwann wieder hier zu sein und die ruhige Hand zu haben, noch einmal  einen Gesellen aufrichten zu können, der  bleiben soll.

Nun stutzt er, bestaunt diese Märchenkulisse, fühlt sich aber sofort bedroht von so viel Versteinerung. Was wollen die von ihm? Sich in den Weg stellen? Nein sagen? Er hebt einen kantigen Stein auf, schleudert ihn in die Büsche als Warnung. Sie weichen nicht.   

Beladen ist er, voll kränkender Erinnerungen an seine damalige Arbeit, diese Kollegen.  Mit jedem seiner Schritte werden sie greifbarer. Er sieht sie ihm die Ärmel seines blauen Kittels zunähen, beobachtet sie, die ihm im Winter Wasser in die Arbeitsschuhe schütten, damit es morgens gefroren wäre. Sieht sich seine Arbeitsgeräte suchen, die versteckt wurden.

Ihnen wird er es zeigen! Greift sich einen großen warmen Rundling, der ihm aus der Hand rutscht. Also wieder Kantigkeit! Dieser  Stein trifft. Ein Mann fällt polternd um. Doch schon sieht er sich umringt von dunklen Gestalten, dicht an dicht stehen sie, drohend, zusammengerottet für die Schlacht.

Mit rudernden Armen wirft er sich dem ersten Feind entgegen, der krachend stürzt. Schon geht er auf den nächsten los – der scheint von selbst zu fallen vor Angst, reißt den Nachbarn mit zu Boden. So jagt er weiter – Kopf voran – auf die zu, die noch stehn, schützt den Kopf mit seinen Armen und rammt sie. Kein Widerstand. Ha, ihr Feiglinge!  Er tritt nach ihnen, die am Boden liegen, bückt sich, lässt die Fäuste fliegen, bis sie blutig sind.

So bleibt er liegen bis zum Morgen. Eine Pilgerin findet ihn. Ist besorgt, fragt ihn, was passiert sei, hilft ihm auf. Er sagt nichts. Sie denkt, er sei stumm, legt ihm einen Apfel in die Hand. Dann lässt sie ihren Blick über die vielen Steine gleiten, schaut nach denen, die sie braucht für ihr kleines Kunstwerk. Wägt einen jeden in der Hand, streicht über den noch kühlen Stein.

Er sieht interessiert zu, wie sie langsam einen auf den andern setzt, jeden hält und vorsichtig loslässt. Bald steht der Steingeselle fest. Wartet auf die nächsten Pilger, die ihm weitere Kameraden zugesellen werden.

Die Pilgerin nickt ihm aufmunternd zu, schnallt sich den Rucksack um und wird mit jedem  Schritt kleiner, bis sie aus dem Tal heraus gewandert ist.  Er schaut lange in diese Richtung, erinnert sich, dass es auch sein Weg ist.  

Als er den Apfel gegessen hat, schaut er nach den Steinen: Dieser große Rundling – glatt und schon von der Sonne erwärmt, könnte der erste sein…

 

Ukrie2010

   


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 Stock und Stein

 

Der Pfad zur Herberge im kleinen galizischen Ort ist ausgetreten.

Bis zum Ziel sind noch 100 Kilometer zu pilgern. Die Stele am Ortseingang ist mit einem Berg kleiner Steine bekrönt.

Seit drei Jahren nun geht Fabio täglich zum Refugium, öffnet morgens die Türe und schließt abends ab. Wer zu spät kommt, findet keinen Einlass. Muss weiter laufen.

Wie sie den Lehm festgetreten haben! Kleine Steinchen sind fest eingedrückt. Sie kommen nur frei, wenn es regnet, laufen im Schlamm mit jedem Pilger einige Schritte.

Für Fabio ist Regenwetter ein Graus. Er findet keinen Halt, wenn das kürzere Bein die Kraft verliert. Vater hatte ihm wieder einen Stock geschnitten. Einen von vielen, die hinter dem Hoftore lehnen seit er das Laufen probierte.

Den neuen würde er nicht nehmen, so wunderbar er auch verziert ist.

Pilger nehmen Stöcke. Er ist keiner von ihnen.

Manchmal wählt ein Pilger von Vaters Stöcken, die am blauen Tor lehnen, einen aus, bewundert  die Schnitzerei. Jeden Stock zieren andere Muster, gebildet durch die Rinde, die nicht abgezogen wird. 

Täglich, außer in den wenigen Wintermonaten, sieht und hört Fabio die Peregrinos, alles im Dorf dreht sich um diese Fremden. Die Ungeduldigen, die Besonnenen, die Neugierigen, die weiterziehn.

Er muss bleiben. Beim Vater sein. Versorgt die Ziegen, schneidet Leder. Schnitzt manchmal in einen fertigen Stock heimlich eine Kerbe – ein Zeichen, das mit pilgert. Etwas von ihm soll ankommen.

Sein linker Fuß passt in keinen Pilgerstiefel. Vater ist geschickt, schustert in jedem Jahr aus dem Ziegenleder einen breiten Schuh mit doppelter Sohle. Sie wird schnell dünn, lässt ihn jeden Stein spüren, wenn er sich mit dem kürzeren Bein abstößt. Sein Gleichgewicht sucht er mit den Armen, die er wie Flügel ausbreitet.

Flügellahmer Vogel flieg – so hatte man ihm auf dem Schulweg nachgerufen. Vater war ihnen mit seinem Stock nachgejagt.

Er will keinen Stock wie jene, die den Ort verlassen können, einfach gehen, rasten, wieder gehen.

Vor Wochen hatte man ihn gefragt, ob er tagsüber die Eintragungen in das Pilgerbuch vornehmen wolle, den Pilgern den Stempel in ihren Pass drücken möchte. Einen Tag lang hatte er zugesehen:

Wie sie verschwitzt ankamen, lächelten, den Hut lüfteten, sich den Schweiß abwischten. Sagten, von wo aus sie losgelaufen waren vor Wochen. Aus welchem Orte sie kamen. Ihren Pass zeigten mit der Reihe von Stempeln - jeder anders gestaltet mit  Symbolen des Pilgerns.

Wie sie lachten, wenn alle Betten mit Rucksäcken belegt waren und sie ihre Schlafsäcke auf  ausgelegte Matratzen warfen.

Und ihre Schuhe! Aufgereiht vor der Herberge im Holzregal. Jedes Paar anders, doch alle ähnlich. Jeder kannte sofort die seinen heraus am neuen Morgen. Schnürte sie, zog fest, ging einfach weiter.

Fabio blickt finster. Morgen würde er es dem Vater sagen. Den Schlüssel  abgeben.

Die Stöcke könne e r auswählen im nahen Wald, schneiden, bearbeiten, schälen. Die Muster könnten die Pilger selbst schnitzen. Lederschlaufen würde Vater schneiden, die Stöcke verkaufen. Auch die Ziegen versorgen und für ihn den linken breiten Schuh herstellen. Der würde zwei Jahre halten.

Kraftvoll dreht er den schweren Schlüssel. Der erste Pilger tritt heraus, lächelt ihn an.

Ihm kann Fabio freundlich sein „Buen Camino!“ nachrufen.

 

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Bleibe

 

Einmal im Jahr wird aufgeschlossen.

Der Luftzug lässt die trocknen Sträuße rascheln.

Ein Schritt nur bleibt hinein. Hier leben die Geschenke:

Unerreichbar auf dem Bett die Puppen, Bilderbücher; die Puppenstube – mit allem eingerichtet, was  das Leben braucht.

Die Blumen. Kleine dicke Sträuße. Alle Farbe verblasst. Lautlos verweht.

Auf dem bunten Läufer die Schulmappe. Ans Bett gelehnt die Schultüte, ausgeschüttet die farbigen  Stifte.

Der Raum angefüllt mit Kartons und Kästchen. Blütenparadieskarten lehnen sich an.

Verschnürte Päckchen, umtanzt von glänzenden Löckchen.

Briefe stapeln sich. Nie geöffnet.

Der Bücherturm. Obenauf das Gartenlexikon. Keine Seite geblättert. Kein Blatt noch gefallen vom letzten Strauß.

Für dieses Jahr das Fotoalbum. Ins Leinen geprägt die Goldringe – verschlungen.

Einmal im Jahr wird zugeschlossen.

Der Duft des frischen Straußes strömt durch das Schlüsselloch. 



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Rot und Blau

 

Über die Geschichte hin und mit der Geschichte ihrer Schwester ist sie alt geworden. Sehr alt.Ihre Schwester blieb jung. Für immer. War so jung, als sie das Leben verließ.
Mit Puppen hatten sie am liebsten gespielt. Ihnen Kleidchen genäht wie dieses aus den Resten des Stoffes, der von Mutters kariertem Rock übrig war. Das Schürzchen weiß.
Sie kochten für die Puppen – legten ein Blech über Ziegelsteine, stellten eine Kerze darunter, rührten um mit einem Stöckchen. Der Garten gab manches her, was man kochen konnte im Süppchen: Möhren, Kohlrabi, Erbsen.
Mutter schimpfte nicht, wenn ihre Schürzen und auch das weiße Schürzchen der Lieblingspuppe rußig waren.
All ihr Leben spielte und kochte sie mit der kleinen Schwester, die immer jung geblieben war.  Einen Ort, zu dem sie gehen konnte um ihr näher zu sein, hatte sie nicht. Nur diese Gedanken immer. Und das letzte Bild: Wie man sie wegzerrte von ihr.

Viele Jahre schon wurden Fahrten angeboten. Dorthin, wo sie die erbärmliche unbarmherzige Zeit überlebt hatte. Wo sie nie wieder sein wollte. Kein Schritt von ihr sollte dort knirschen.                                   Als sie wieder gefragt wurde, hörte sie sich sagen, dass sie mitführe.
In der Gruppe ist es ihr möglich, die schweren Schritte zu gehen. Langsam setzt sie den Stock. Erkennt und erkennt. Fühlt sich wie erschlagen, bleibt stehn. Nur diesen Gedenkraum noch.Vitrinen mit dem, was blieb. Ihre Augen schweifen langsam, verharren, starren:

Die Puppe mit dem karierten Kleid! Rot und Blau.

Für den Schrei fehlt die Kraft.

 

  Uk2010Sommer





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Unglücklicher Baum

 

Ins  Bogenrund  der Straße ist er mit anderen gereiht. Nur er trägt dieses Zeichen: Zwei Hand breit und zwei Fuß hoch, glatt und kalt, ohne Rinde, grau. Über die Felder schaut er hin nach dem Dorf, der Kirche, dem Hof mit dem gekreuzten Stein.
Er hatte überlebt, grünte  jedes Jahr und ist doch tot. Seit jenem Tag, als er erschüttert wurde, Blätterschrei in alle Kronen zitterte, Blech sich in sein Leben krallte. Rot Metallic.
Die  Wurzeln hielten ihn im steinigen Erdreich.
Stille.
Ihr  blasses  Gesicht im grünen Gras.
Schön wie Schneewittchen, reglos.
Kein Hauch bewegt´ ihr Haar.

Dies Menschenkind ist es, das in jedem  Frühjahr und im Herbst das Rad an seinen Stamm  lehnte, über die Straße sprang nach dem Felde hin, auf dem es Spuren fand aus früher Zeit, unermüdlich sich bückte, schaute, erkannte, Erdbrocken löste. An den Rand sich setzte, die steinigen Schätze breitete und betrachtete. Wie diese Kalkplatte mit demMuschelfriedhof - sein schönstes  Stück.
Glück hatte es  und den Blick für die Verwandlung, die der Natur gelingt.
Beständig war sein Glück, es gewann und gewann ein jedes Spiel, jegliche Wette, löste alle Rätsel.
Zog ein Los: Der Preis war sein.
Sonnenschein im wahrsten Sinne, kleine Glücksfee, benannt nach Sandrina, der Sonnengöttin.
Überglücklich im Vorschussglück   gepresst in die bleibende Zeit. 

Das Un-glück hatte er gesehn, das unfassbare.                                     Bleibt seither ohne Frühjahrsblüte, ohne Herbstzeitfrucht.